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Geschichte
Chorbuch von 1432 Quelle: Dommuseum Mainz/Popp

Der Hohe Dom St. Martin zu Mainz ist von höchster kunsthistorischer Bedeutung und gehört zu den herausragenden Zeugnissen des christlichen Glaubens in Europa. Seine schicksalhafte und wechselvolle Geschichte war über Jahrhunderte hinweg eng mit der machtvollen Stellung der Mainzer Erzbischöfe verbunden. Entsprechend prachtvoll gestalteten sie ihre Hauptkirche.  

Leider sind die historischen Überlieferungen bezüglich der ersten Domorgelbauten jedoch recht lückenhaft und unvollständig. Da aber bereits 1285 ein Werk (organa) in der Liebfrauenkirche, der ehemaligen Vorkirche des Domes, verbrannt sein soll, darf angenommen werden, dass auch der Hohe Dom bereits im 13. Jahrhundert eine Orgel besaß. Erstmalige Erwähnung findet eine Domorgel im Testament des Cantors Eberhard de Lapide im Jahre 1334, und auch die Nennung eines Domorganisten im Jahre 1390 lässt Rückschlüsse auf die Existenz einer Domorgel im 14. Jahrhundert ziehen. Mit Ludolfus, organista de Maguntia, beginnt 1417 die ziemlich lückenlose Liste der Mainzer Domorganisten. In der Mitte des 15. Jahrhunderts lebte der bedeutende Orgelbauer Heinrich Traxdorf in Mainz, der auch Orgeln für St. Sebald und die Frauenkirche in Nürnberg sowie für St. Peter in Salzburg baute. Die überlieferte Disposition einer zweimanualigen Domorgel mit 17 Registern und Pedal aus der Mitte des 15. Jahrhunderts lässt Parallelen zur St. Sebalder Orgel erkennen, weshalb Traxdorf als Erbauer jenes gotischen Instruments angenommen werden darf.

Erste verbindliche Zeugnisse stammen vom 5. August 1468, als ein Orgelwerk auf dem Ostchorlettner erbaut wurde. Eine weitere Orgel, die vermutlich an der Nordseite des Ostchors angebracht war und Hans Tugi (Hans von Basel) zugeschrieben wird, taucht sowohl 1490 als auch 1500 im Zusammenhang mit Finanzierungsschwierigkeiten in den Protokollen auf. Tugi war es vielleicht auch, der im Jahre 1501/02 die erste Langhausorgel schuf, die ihren Platz an der Nordwand gegenüber der gotischen Kanzel finden durfte. Die Wanddurchbrüche des Zugangs für den Organisten und des Windkanals sind noch heute vom Dachstuhl des nördlichen Seitenschiffs (hinter dem Veit'schen Nazarenerbild "Verklärung Christi") erkennbar. Nachdem Tugi 1514 Reparaturen an der Orgel durchführte, zog man 1516 Henricus Hane de Colonia zur Verbesserung der Bälge heran. 1535 fügte Meister Jakob der Ostchororgel ein neues Register hinzu, bevor 1545/46 alle drei Werke (Ostlettner, Ostchor und Langhaus-Schwalbennest) reparaturbedürftig werden. Steffan Lilienpaum (Kanonikus an St. Stephan und Domvikar), der 1545 ein Orgelpositiv in der Stephanskirche erneuert hatte, sollte sich nach Prüfung durch Baumeister Hanß Fogk dieser Sache annehmen. Unklar ist allerdings, ob auch die große Langhausorgel renoviert wurde. Im "Protocolla camerae praesentialis" von 1547 wird von einer neuen Orgel "uff dem Lettner über dem Chor" berichtet. Domkapitelsprotokollen zufolge ist hier vermutlich von einem Werk Lilienbaums auf dem nicht mehr existenten Westlettner die Rede, das nach Antrag von 1571 schließlich im Jahr 1587 wieder abgebrochen wurde, da die Orgel den Lettner versperrte. 1611 entstand aber erneut ein Orgelwerk auf dem Westchorlettner, das Friedrich Kintzinger, Lohr zugeschrieben wird. Ein Jahr nach dem Tode Lilienbaums (+1560) werden die Bälge der Orgel "uffm Lettner" in Stand gesetzt, bevor man 1563 mit Meister Veit (ten Bendt) verhandelte. Seine Renovation des Positivs der Langhausorgel konnte die Kapitulare derart überzeugen, dass ihm letztlich der Auftrag zur vollständigen Erneuerung selbigen Werks anvertraut wurde. So schuf er 1565 an der selben Position eine neue Schwalbennestorgel samt neuem Gehäuse, die nach verschiedenen Reparaturen (1584: Niclaus Niehoff/Köln, 1605: Abraham Remblinger/Basel, 1607: Johann Graurock/Frankfurt, 1627: Florentz Hocque/Köln, 1674: N. N., 1724: Johann Jakob Dahm/Mainz) erst 1793 dem Dombrand im Rahmen des Angriffs der Preußen auf das französisch besetzte Mainz zum Opfer fiel. 1630 wird von Hocque ein Regal angeboten, dessen Anschaffung genehmigt wird. Folglich gab es zu dieser Zeit vier Orgeln im Dom: 1. Große Schwalbennest-Orgel, 2. Ostlettner-Orgel, 3. Westlettner-Orgel, 4. Positiv (Regal) auf dem Hochchor. Beide Lettner-Orgeln gingen mit dem Abbruch der Lettner 1682/83 und dem Einbau der neuen seitlichen Choretten verloren.

Der nächste Domorgelbau ist aus den Jahren 1701/02 bezeugt, als der Dekan vom St. Johannesstift, der Domspeichermeister Johann Ludwig Cüntzer die nach ihm benannte "Cüntzersche Chorettenorgel" für die Nordchorette stiftete, die vom Mainzer Orgelbauer Johann Jakob Dahm erbaut wurde. Als Dahm hochbetagt erkrankte, bewarben sich Joseph Gabler und Johannes Kolhaaß um die Position des "Kapitelschen Orgelmachers", die Kolhaaß wegen seiner ortsnahen Herkunft nach dem Tode Dahms übertragen wurde. Nach gut 90-jährigem Dienst im Mainzer Dom wurde sie 1794/95 abgetragen, verpackt und nach Hochheim und Miltenberg gebracht. Im Zuge des Wiederaufbaus der Kathedrale unter Bischof Colmar errichtete ebenfalls ein Mainzer Orgelbauer, Franz Xaver Ripple, unter Wiederverwendung des Dahm'schen Gehäuses im Jahre 1804 eine neue Orgel an der selben Position, die dort bis zum Jahre 1928/29 ihren Dienst versehen sollte. Nicht ganz zu klären ist, ob Ripple seiner Zeit Teile der ihm überlassenen Orgeln von Gangolph und Mauritius in diesem Werk verwand. Ansonsten ist seine Geschichte jedoch recht gut überliefert. Jüngste Recherchen haben ergeben, dass das originale Prospekt von 1701/02 vollständig erhalten und im rheinhessischen Armsheim eingelagert ist.

1861 baute Heinrich Dreymann eine kleine Notorgel, die aufgrund der Renovierung der großen Orgel und des Dom-Innenraums erforderlich wurde. Bereits 1863 konnte dieses Werk jedoch nach Frei-Weinheim verkauft werden. Die im Jahre 1866 durch Johann Georg Finkenauer und Philipp Embach aus Mainz geschaffene, kleine Chororgel für den Westchor, die 1899 durch Balthasar Schlimbach/Würzburg auf zwei Manuale erweitert und hinter das Westchorgestühl versetzt wurde, brach man 1925 nach Beschädigungen im Rahmen von Dombauarbeiten ab.

Schließlich vergab das Hohe Domkapitel nach einem Wettbewerb zwischen den Orgelbauern Spät, Stahlhut, Walcker, Klais und Körfer den Auftrag zum Neubau einer elektro-pneumatischen Hauptorgel an die Firma Klais/Bonn. Bei einer Größe von 75 Registern auf vier Manualen und Pedal durfte die einstige und heute noch in Teilen erhaltene Domorgel aus Gründen der Denkmalpflege ausschließlich unsichtbar nord- und südseitig hinter dem Westchorgestühl installiert werden. Sie konnte am 13.8.1929 ihrer Bestimmung übergeben werden. Die ungünstigen akustischen Bedingungen führten jedoch letztlich Mitte der 1960er Jahre dazu, einschneidende Veränderungen an diesem Instrument durch die Firma Kemper/Lübeck vornehmen zu lassen. So wurden zwei Werke der ehemals viermanualigen Orgel aus dem Chorgestühl samt einiger Pedalregister ausgelagert. Ein Teil des originalen Pfeifenmaterials wurde auf der Südchorette (Freipfeifenprospekt) und an der Nordwand des Querhauses (neues Gehäuse) wieder verwendet und durch neue Pfeifen und Register durch Kemper ergänzt, ein anderer Teil ist verschollen. Das Orgelwerk in den Arkaden der Oberkapellen des Ostchores ("Kaiserlogen") ist eine Neuschöpfung Kempers aus jener Zeit. 2003 wurde der Orgelanlage anlässlich des 20-jährigen Bischofsjubiläums Karl Kardinal Lehmanns die "Kardinalstrompete" hinzugefügt. Die 58 Horizontalpfeifen (Trompette en chamade) stehen im Wächterhäuschen des nördlichen Querhauses und werden nur zu besonderen Anlässen eingesetzt.

Somit gehört die gegenwärtige, seit den 1920er Jahren gewachsene Mainzer Domorgel zu den kompliziertesten Anlagen ihrer Art in Europa. Sie verfügt über drei (Westchor – Querhaus – Ostchor) zweimanualige Instrumente mit Pedal, die sich auf sieben unterschiedliche Standorte (Nord- und Südseite des Westchorgestühls, Nordwand des Querhauses, Südchorette, Wächterhäuschen an der Westwand des nördlichen Querhauses und Arkaden der nördlichen und südlichen Oberkapellen des Ostchores) mit 114 klingenden Registern aufteilen. West- und Ostchor-Orgel verfügen jeweils über einen eigenen Spieltisch. Der Spieltisch der Westchor-Orgel (Chororgel) befindet sich im barocken Westchorgestühl, der Spieltisch der Ostchor-Orgel ist an der Südwand des Ostchores mit Blick in das Langhaus positioniert. Alle 7986 Pfeifen können vom sechsmanualigen Generalspieltisch auf der Südchorette angespielt werden. 

 

Quellen:

Franz Bösken, Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins, Bd. I, Mainz 1967

Adam Gottron, Die Orgeln des Mainzer Domes, Sonderabdruck aus der Mainzer Zeitung, Jhrg. XXXII (1937)

Mainzer Domorgel-Archiv

 
Schon gesehen...?

Cüntzer Orgel 1702-1928

Cüntzersche Chorettenorgel 1702-1928, Ansicht vom Hauptaltar, Quelle: Dommuseum Mainz


Cüntzer Orgel 1702-1928

Ansicht der Chorettenorgel vom südlichen Querhaus, Quelle: Dommuseum Mainz


Cüntzer Orgel 1702-1928

Seitenteil der Chorettenorgel in der Sonderausstellung "Der verschwundene Dom" des Dommuseums, Quelle: Dommuseum Mainz


PDF Disposition der Mainzer Domorgelanlage

Schon gewusst...?

Mit seinen sechs Manualen ist der Generalspieltisch der Mainzer Domorgel der größte seiner Art in Deutschland Generalspieltisch der Mainzer Domorgel, Quelle: Daniel Beckmann


7986 Pfeifen aus 114 Registern verteilen sich auf sieben Standorte im Dom.


Die "Kardinalstrompeten" im Wächterhäuschen der westlichen Vierung fahren elektrisch aus den Fenstern heraus und begrüßen den Bischof an hohen Feiertagen.

Schon gehört...?

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© Daniel Beckmann 2012